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Das sogenannte apallische Syndrom

oder:

Haben Sie einige Minuten Zeit nachzudenken, was in Ihrem Leben wichtig ist?

Ehrenvorsitzender bei CERES Tübingen e. V. Dr. med. Hans Ulrich Benz Eine einzige Sekunde der Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr, der plötzliche Verschluß einer Herzkranzarterie, das Einatmen giftiger Gase und Dämpfe kann Ihr Leben grundlegend verändern. Schwerste Hirnschädigungen, bedingt durch Gewalteinwirkung, Sauerstoffmangel oder Entzündungen können zu einer über Monate und Jahre dauernden Bewußtseinstörung führen. Plötzlich finden Sie sich jenseits einer Barriere, die unüberwindbar ist. Sämtliche Verbindungen zu Ihrer früheren Umwelt und Vergangenheit sind zerrissen und abgebrochen.
Der Tübinger Nervenarzt Ernst Kretschmer hat diesen „tiefen, wachen Schlaf“ (coma vigile) in seiner Erstbeschreibung wie folgt beschrieben:
Dr. Benz hielt diese Rede am 12.01.1990 in der Stuttgarter Liederhalle
Ansprechen, Anfassen (der Patienten) erweckt keinen Widerhall. Auch der Versuch, die Aufmerksamkeit hinzulenken, gelingt nicht oder nur höchstens spurweise. Die reflektorischen Flucht- oder Abwehrreflexe können fehlen. Die Kranken verharren in unbequemen Körperstellungen. Nur bestimmte Elementarfunktionen bleiben erhalten.“
Meist sind die Augen geöffnet, wobei die Augäpfel ziellos umherwandern. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, gleichsam als ob er den Betrachter durchdringen könnte. Häufig ist Gähnen und Grimassieren, das mitunter in Episoden motorischer Unruhe mündet, zu beobachten. Schlaf-Wach-Rhythmen können erhalten sein, sind jedoch losgelöst vom Tag-Nacht-Wechsel. Die Muskulatur ist vorgespannt, gelegentlich kommt es zu Streckkrämpfen. Eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen kann vorliegen. Für die Angehörigen, das Pflegepersonal und die Ärzte ist es besonders bedrückend, nicht beurteilen zu können, ob Signale oder Sinneseindrücke vom Patienten wahrgenommen werden können. Es hat den Anschein, als ob sämtliche Verbindungen und Brücken zur Außenwelt abgebrochen sind.
In der modernen Medizin wird das Verharren in dieser Bewußtlosigkeit auch „apallisches Durchgangssyndrom“ genannt - ein Menetekel unserer Intensiv- und Notfallmedizin. So paradox es klingen mag: Das apallische Durchgangssyndrom haben wir den Fortschritten der modernen Medizin zu verdanken. Rascher Einsatz der Notärzte, optimale Wiederbelebungstechniken mit Elektroschocks u.a. führen zu immer besseren Erfolgen der Reanimation und Wiederherstellung der normalen, stabilen Kreislaufverhältnisse. Nur ein Faktor, die Zeit, sollte nicht übersehen werden. Unsere Nervenzellen sind gegen Sauerstoffmangel äußert empfindlich. Wird eine Zeitspanne von 6 - 7 Minuten überschritten, so führt dies unweigerlich zu einer Schädigung der Nervenzellen in der Hirnrinde, während die sauerstoffresistenteren Zellen der tieferen Hirnstrukturen erhalten bleiben können. Es kommt zu einer Entkoppelung der Hirnrinde von tiefergelegenen Hirnarealen, grob gesprochen zu einem Verlust der intellektuellen Leistungen des Gehirns. Erhalten bleiben dagegen die lebenswichtigen Funktionen von Atmung und Kreislauf. Nun haben wir in den letzten Jahrzehnten gelernt, daß das apallische Durchgangssyndrom kein festgefügter Defektzustand ist, sondern daß es sich mitunter um eine Funktionsstörung des Gehirns handeln kann, die unter optimalen Therapiebedingungen Rückbildungstendenzen aufweisen kann. Von 100 Patienten können ca. 30% wieder ein fast normales Leben führen, weitere 30% überleben mit schweren Defektzuständen, können aber von ihren Familien versorgt werden. Die restlichen 40% verbleiben in einem apallischen Syndrom bis zu ihrem Lebensende. Wie stellt sich nun heute die Situation in der Nachsorge für diese schwerst Hirngeschädigten Patienten dar? Sie müssen die Intensivstation in der Regel nach wenigen Wochen verlassen. Eine unmittelbar anschließende Verlegung in eine qualifizierte Rehabilitationsklinik ist nur in den seltensten Fällen möglich. Meist weigern sich diese Einrichtungen, derartig pflege- und therapieaufwendige Patienten aufzunehmen. Die Arbeit mit apallischen Patienten ist ungemein anstrengend und bindet zuviel Personal. Im positiven Fall werden „Apalliker“ auf normale Krankenstationen verlegt, wo wenigstens die Grundpflege gewährleistet ist. In den allermeisten Fällen aber erfolgt konsequent die Abschiebung in absolut ungeeignete Pflegeheime, die mit der Versorgung dieser Patienten hoffnungslos überfordert sind. Verstärkt wird diese Situation durch den Mangel an ausgebildetem, motiviertem Pflegepersonal. Vorwiegend Familien von Betroffenen haben sich zu unserem Verein CERES zusammengeschlossen, um auf die Mißstände bei deren Versorgung aufmerksam zu machen. Ein abgestuftes Versorgungs- und Therapiekonzept wird benötigt. Bereits auf den Intensivstationen muß mit einer qualifizierten Frührehabilitation begonnen werden; anschließend müssen sämtliche Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden. Die Angehörigen müssen in den Therapieplan mit eingebunden werden. Ist nach Monaten offensichtlich, daß keine Besserung zu erwarten ist, muß für eine qualifizierte Langzeitpflege gesorgt werden, die zumindes so beschaffen sein muß, daß den geschundenen Patienten zusätzliche Leiden und Qualen erspart werden. Die Angehörigen dürfen mit den Versorgungsproblemen nicht allein gelassen werden.

Haben Sie nachgedacht, was unter diesen Aspekten in Ihrem Leben wichtig ist? Vielleicht sollten sie fälschlich Unterlassenes und Versäumtes nachholen oder ausbügeln. Es könnte sein, daß wir morgen auf der Negativseite des Lebens stehen, hilflos ausgeliefert einer gnadenlosen Rettungs- und Pflegemaschine. Vielleicht aber finden wir Zugang zum Leiden der Betroffenen und ihren Familien und helfen mit, das unverschuldete Schicksal zu lindern und zu bewältigen.

Dr. med. Hans Ulrich Benz

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